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Frankreich 2004 Teil 1/2 PDF Drucken E-Mail

Flugsicherheit auf Französisch oder “Muffensausen-Abholen”

Bremgarten, 9. Mai: Über uns hängen die regenbeladenen Wolken, unter uns schlängelt sich das Doubs-Tal gen Südwesten. Erste, anhaltende Schauer verschlechtern weiter die Sicht. Unsere Formation aus acht Fliegern rückt immer enger zusammen, so dass wir uns nicht aus den Augen verlieren. „Findet Ihr nicht auch, dass das kein echtes Fliegerwetter ist?...“ Zögernd bestätigen andere. Nein, da vorne wird es schon heller.

Die erste Etappe des Sicherheitstrainings vom Luftsportverband Rheinland Pfalz unter der Leitung von Carl-Otto Wessel hat es schon richtig in sich. Zur Unterstützung sind die Flugsicherheitsinspektoren von Bayern, Alfred Schmitz und von Rheinland Pfalz, Mathias Borgmeier mit dabei. Aufgrund des schlechten Wetters starten wir mit einem Tag Verspätung Richtung Frankreich. Nach der Landung in Bourg sind wir sichtlich erleichtert.

Doch, das ist Sicherheitstraining: Erkennen der Grenzen; Hinausblicken über den eigenen Horizont; stets in Kontakt mit erfahrenen Lehrern - und das noch dazu im fremden Land. Es ist dieses Kribbeln im Bauch, wie FSI Alfred Schmitz es so gerne nennt. Beim nächsten Mal wird es weniger kribbeln.

10. Mai: Unsere Gruppe ist die erste von drei, die am nächsten Tag Gap in der Provence erreicht. Viele kommen witterungsbedingt erst am Dienstag dort an. Sogar Hans Rumpf und seine Frau im Kiebitz kämpfen sich zur Bewunderung aller bis in den Süden Frankreichs durch.

Das neu erbaute Hotel am Flugplatz Gap wird gleich gänzlich von uns in Beschlag genommen. Insgesamt nehmen 24 Teams an der gelungenen Veranstaltung teil.

Beim abendlichen Briefing bekommen wir schon einmal einen theoretischen Einblick ins Gebirgsfliegen. Alle werden angemahnt, besondere Weitsicht walten zu lassen und immer darauf zu achten, dass ein Fluchtweg offen bleibt. Stets nach dem Motto: zwei Schritte vor, einen zurück.

11. Mai: Wir gewöhnen uns an die ungewohnte Kulisse durch einen Ausflug ans Meer. Das Wetter meint es gut mit uns und wir bilden kleine, überschaubare Gruppen, um gemeinsam Neues zu erleben. Unser zweistündiger Flug führt uns von Gap nach Fayence und weiter um die Bucht von St. -Tropez, dann wieder nordwärts in Richtung Lac de Ste. -Croiz.

Wir entschließen uns, beim Rückweg ein Seitental kennen zu lernen, das uns zwischen Barcelonnette und Gap zum Lac du Serre - Poncon führt. Wir überfliegen einen kleinen Flugplatz direkt am Seerand, landen jedoch nicht.

Das ist einer von jenen UL Plätzen, für die alleine es sich schon lohnt hierher zu kommen. Und nur einem UL steht er offen. Andere Geräte sind nicht zugelassen. Natürlich, wir sind ja im UL- Paradies Frankreich!!

Wir dürfen erfahren, dass jedes Tal ein Eigenleben führt. Einmal wollen wir wissen: woher kommt eigentlich der Wind? Ein Gebirgspilot schmunzelt über solch eine Frage. Es gibt nicht den allgemeinen Wind, denn der ist nur hoch über den Gipfeln zu spüren. Unten im Tal sieht es gänzlich anders aus. Die Einheimischen sprechen von Brise. Das ist der Talwind. Er weht fast immer, wenn an den Berghängen die Aufwinde einen Sog im Tal erzeugen und quasi gegen die Flusslaufrichtung ansaugen. Wir erleben diesen Effekt in Gap gegen Mittag. Sobald erste Cumuli über den Gipfeln hängen, kommt der Strom in Gang. Demgegenüber kann keine Brise entstehen, wenn es eine geschlossene Bewölkung gibt. Dann ist es ruhig, oder ein übergeordneter Wind bringt Leewirbel und Turbulenzen. Am Ende eines jeden Tales ist ein Pass. Auf der anderen Seite ein neuerliches Tal. Je nachdem, welche Brise die stärkere ist, gibt es am Übergang starkes Steigen oder Sinken. Deshalb bunkern wir Höhe, bevor wir im spitzen Winkel über den Kamm fliegen. Immer in Lauerstellung, ob es nicht doch sicherer wäre abzudrehen und ins Tal zu flüchten. Wir lachen über die Erzählungen von FSI Schmitz: „denkt immer daran: bei Unbehagen Treten und Drücken und ins Tal stürzen....“

12. Mai: Wir erkunden weitere Plätze. Als unsere Gruppe in Barcelonnette landet sind wir doch einigermaßen verblüfft, dass im Gegenanflug, der am Hang entlang führt, oberhalb ein großes Hotel steht. Ringsherum pressen sich die hohen Wände ans Tal. Wir lernen, dass der Vorfahrt hat, der den rechten Flügel am Hang hat. Nun ist ja nicht auszuschließen, dass da jemand mit „200 Klamotten um die Ecke schießt“, wie Alfred sagt. Deshalb vor einer unübersichtlichen Ecke weit ausholen, immer bereit zum Umkehren oder „ins Tal stürzen“.

Nun gibt es natürlich auch Bereiche in einem engen Tal, wo man nicht umkehren kann. Wer hier einfach so hinein fliegt, ohne vorher zu wissen was dort hinten kommt, bringt sich in Gefahr. Vielleicht steigt das Tal stärker an als das Flugzeug steigen kann. Oder es hängt ein Gewitter am Kamm und es ist zu schmal zum Umkehren. Wohl dem, der dann seine Maschine kennt. Wie viel Platz brauche ich zum Umkehren? Der, der dann was Langsames hat und im weißen Bogen des Fahrtmessers sicher kurven kann ist im Vorteil.

Nach der Landung in Barcelonnette kommt ein junger Franzose (Flugleiter) auf uns zu und bewundert die Flieger. Um ehrlich zu sein, er bewundert die großen Türen in der Rans S7, die ja leicht im Flug zu Öffnen sind. „Habt Ihr schon mal einen Springer abgesetzt?“ - “Nein. Noch nicht.” Fragende Blicke. Vincent, der Springer, läuft zum Wohnwagen und holt schon mal seine Ausrüstung. Ich will, dass er erst mal ein paar Trockenübungen macht. Er ist begeistert. Ich auch.

Von Norden schleicht sich ein Schneeschauer (ja richtig, es ist ja erst Mai) über den Kamm.

Wir starten gleich darauf und schrauben uns am tragenden Hang in die Höhe. Bei 7800 ft MSL öffne ich die Türe und setze Klappen bei 80 km/h. Vincent gibt mir die Hand zum Gruß, als ich über Funk dem Platz meine Absicht Kund getan habe. Ohne Zögern verlässt er das UL und schon nach wenigen Metern dreht er sich in der Luft um und winkt mir zu. Ein Irrer! Er lässt sich zwei-dreihundert Meter fallen bevor der Bunte Stoff zu sehen ist. Sein Lustschrei ist bis zum Boden zu hören. Die Maschinen am Rollhalt warten brav bis er am Boden ist.

Ich lande wieder und kurz darauf starten wir zum nächsten Platz im nächsten Tal.

Hier geht es zu Teil 2/2