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Die Teile des Hummers sind bei uns eingetroffen. Zwei Pakete, zusammen 30 Kilogramm. Das könnte gehen. Wir rätseln, ob die Pakete den Abwurf überstehen.
Es ist noch dunkel, als der Magirus am Morgen des folgenden Tages durch die leichten Dünen zum Startplatz wackelt. Vorbei an den Binsenhütten, die als Gehege dienen. Der Esel schreit und die Hähne auch. Ein angehängtes Kamel schreckt sich und dreht angebunden am Seil einen Halbkreis um den Pflock. Am Boden testen wir die Abwurffolge der beiden Pakete. Da ich mich beim Tieffliegen voll konzentrieren muss, wird Lill das übernehmen müssen.
Bei den ersten langen Schatten heben wir in die völlig ruhige Morgenluft ab. Einzelne Nebelbänke liegen wie Wattebäusche zwischen den Dünenkämmen. Es sieht aus wie eine Momentaufnahme des Meeres bei Sturm.
Kaum fünfzehn Minuten brauchen wir, bis wir beim Hummer sind (mit dem Geländewagen drei Stunden!). Von weitem sehen wir nur etwa zwei Kilometer südwestlich des Hummers einen Motorradfahrer auf der Düne stehen. Vorbildlich reckt er uns die Rettungdecke entgegen. Mit der Sonne im Rücken funkelt diese für uns wie Lametta. - Aha! Deshalb war die Rakete zum verwechseln nahe am Hummer. -
Das war ja einfach: Position speichern; zu Dir kommen wir später!
Gleich um die Ecke wartet die Hummer-Crew auf uns. Wir überfliegen einmal und wackeln mit den Flügeln. Beide stehen neben dem Fahrzeug. Das ist wichtig für mich. Ich will doch niemanden verletzen mit den Paketen!
Zweiter Überflug. Wir haben die aufgehende Sonne im Rücken. Absichtlich, weil die beiden so geblendet sind und nicht gleich losrennen, wenn sie das erste Präsent fallen sehen. Und weil wir so alles am besten sehen können.
Lill befreit sich vom ersten angeschnallten Paket und hält es schon mal bei der offenen Türe hinaus. Ich gebe das Kommando: „3... 2...1... raus!“ Beim Aufprall auf den Sand zerplatzt das ganze Paket und viele Kleinteile verteilen sich auf die Sandoberfläche.
Beim nächsten Überflug prüfen wir die Lage. Ich suche mir eine neue Abwurfstelle. Wie bei einer Vogel-Fütterung sind die beiden nun am Picken der Einzelteile. Fragende Blicke und erhobene Hände nach dem Motto: „Und wo ist der Rest?“, steht der Fahrer da.
Zweiter tiefer Anflug: „2... 1... raus!“ Da war die Antriebswelle drin.
Ein weiterer Überflug, ja es hat geklappt, Daumen nach oben.
Nun zum Frühstück, nein nicht unseres - das, des Motorradfahrers mit der Nr. 45, dessen Position wir schon vorher aufnehmen konnten.
Zweimal kreisen und ich habe die Orientierung verloren. Wo ist er nochmal? Das GPS hilft abermals. Ach, da isses ja!
Eine Blechflasche mit Wasser und ein paar Müsliriegel zum Frühstück gefällig? Er freut sich offensichtlich über die Geste.
Wir kehren zurück zum Startplatz. Der Unimog rückt aus, wir übermitteln die Koordinaten per Funk. Glücklicherweise sind wir dieses Jahr auch mit einem Orga- Funkgerät ausgerüstet. Ein Handmikro und ein Lautsprecher, den ich mir unter die linke Ohrmuschel des Kopfhörers lege, ist die einfachste Möglichkeit auf zwei Geräten erreichbar zu sein. Der Flugfunk ist klarer und es kann nur der Insasse im LKW mithören. Die anderen müssen so nicht auf uns Rücksicht nehmen. Durch die starke Sendeleistung und bedingt durch die Höhe habe ich eine enorme Reichweite, die allen zu Gute kommt.
Manchmal komme ich ein wenig in Bedrängnis, wenn ich bei Fliegen des Fotographen noch Listen mitschreiben, gegenlesen, und gleichzeitig noch navigieren muss.
Nach einem ausführlichen Frühstück fliegen wir noch einmal zum Hummer und schauen nach dem rechten. Der Unimog ist schon in Sichtweite des Motorrads und der Hummer ist nicht mehr am Ursprungsort. Hat also geklappt, die Reparatur. Eher zufällig sieht Tom L. den Hummer etwa drei Kilometer weiter.
Zwei Leute schrauben unter dem Fahrzeug. Offensichtlich will man uns etwas sagen. Ich fliege im Gleitflug an Ihnen vorbei, in der Hoffnung, die Zurufe zu hören. Geht nicht. Wir hoffen, dass eine Botschaft in den Sand getreten wird. Wir müssen mit unserem bewährten Abwurfzettel nachhelfen: „Botschaft in Sand treten!“
Er hat verstanden. „UNIMOG“ steht da im Sand geschrieben. Aha, nun ist es also doch soweit, dass er abgeschleppt werden muss. Wir funken zum Unimog, er bestätigt den Erhalt der Koordinaten.
Der Pajero mit der Nr. 106 muss sich noch gedulden. Er steht am anderen Ende der Etappe und wird zum Schluss aufgelesen.
„Erledigt“ denken wir und fliegen zurück zur heutigen Etappe. Pisten und Dünen gemischt.
Gerade, als wir uns in Richtung Douz in Bewegung setzen wollen, funkt uns der Unimog noch einmal an. „Der Hummer ist da nicht“ – „Wie bitte? Weitergefahren? Nachdem er den Unimog gerufen hat?“ Wir bitten den Unimog um Geduld und zischen noch mal schnell in die Vortagsetappe. Mit 170 am Stau sind wir in 12 Minuten da.
Tatsächlich, der Hummer ist weg. UNIMOG steht noch im Sand geschrieben. Nun beginnt das Rätselraten. Ist er nach Osten gefahren, um vielleicht aus den Dünen in die Schotterebene zu gelangen, oder der Teilnehmerstrecke gefolgt? Wir beginnen unsere Suche. Ganz tief überfliege ich den Pannenort, um Spuren im Sand zu sehen. Die einzigen, die nach Osten gehen, sind die Unverkennbaren des Unimog. Sonst keine einzelnen Spuren. Wir fliegen entlang der Teilnehmerstrecke in Schlangenlinen. So weit kann er doch gar nicht sein! Ein sandfarbener, flacher Hummer in den Dünen. Wirklich nicht leicht zu finden, da hier auch keine Staubfahnen zu sehen sind. Da, ein Blitzen. Es war die Scheibe des Hummer. Er ist nur noch wenige Kilometer vom Etappenziel entfernt und fährt munter dahin.
Entwarnung an den Unimog, er kann zur Nr. 106 fahren, die wartet schon am längsten.
Wir sind auf dem Weg nach Douz. Der Magirus auf der Schotterstrasse und Lill und ich in der S7. Wir planen einen Stunde Flugweg und vier Stunden LKW Fahrzeit. Wieder übermitteln wir Listen zu den diesmal weit voneinander entfernten Streckenposten, die alle durchgekommenen Fahrzeuge in eine Liste eintragen. Anhand dieser Listen kann man dann nach Ausfällen suchen. Wir hören am Abend, dass die Nr. 108 und der weiße MAN mit der Nr. 204 noch nicht bei der Durchgangskontrolle 2 war. Da der Unimog aber noch anderweitig beschäftigt war und ausnahmsweise nicht von Beginn an die Etappe aufgerollt hat, ist das Verbleiben der beiden bis zu nächsten Morgen ungewiss.
Wir kennen die 204 schon persönlich. Zurückhaltende, vorsichtige Genussfahrer, die kein Risiko eingehen. Die 108, ein Toyota, wird von der 204 geschleppt, weil dessen Allradantrieb nicht mehr geht, soviel war zu erfahren.
Wir hoffen, daß die beiden aus eigener Kraft eintreffen.
Um 10 Uhr ist noch keine neue Meldung eingegangen. Somit werden wir in die Strecke geschickt.
Meiner Meinung nach würde die 204 versuchen über die Schotterpiste auszuweichen. Um ihn nicht zu verfehlen, beschließe ich, mit Lill zusammen und vollen Tanks an der Schotter- piste entlang nach Ksar Ghilane zu fliegen, um dann der Vortagsetappe zurück in Richtung Douz zu folgen.
Es war ruhig und wir konnten auf laut stellen.
So waren wir nach etwa 40 Minuten über der Oase. Bis zum Streckenposten 2 war nichts von den beiden zu sehen. Doch kurz darauf hat Lill das Gespann in den Dünen entdeckt. Große Freude bei den Aufgespürten. Offensichtlich konnten sie langsam vorankommen. Das Ende der Dünenpassage war aus der Luft schon zu sehen. Vom Boden freilich nicht. Wir wackeln im Tiefflug vorbei und suchen die günstigste Strecke zur Piste. Easy. Wir sehen die Stellen mit Kamelgrasbewuchs. Wie Inseln im Meer aus Dünen. Wir markieren diese Stellen und speichern die Koordinaten. Es entsteht eine Route aus dem Labyrinth. Lill schreibt alle Daten auf den Abwurfzettel und bindet ihn an ein Stück Gurtband (schon merklich geschrumpft auf dieser Reise... die Verzurrgurte).
Altes Spiel: direkt auf die Frontscheibe zuhalten, wackeln, 3... 2... 1... raus. Um einige Meter verfehlen wir unser Ziel (insgeheim wollten wir direkt die Scheibe treffen). Andreas und Sabine geben die Koordinatenliste ein, winken wie wild und wir zischen zurück.
Es sind zweieinhalb Stunden Flugzeit und 330 km vergangen, als wir mit schmerzenden Gesäßen aus der S7 klettern. Das Kamelrennstadion dient uns erneut als Landebahn. Wir verkünden die Nachricht an die Orga und schon wieder sind wir glücklich, dass wir helfen können.
Schnell ein Süppchen im Verborgenen des Magirus (es ist Ramadan) und dann treten wir in die aktuelle Schlussetappe ein.
Alles Piste, am Rande von kleinen Ortschaften entlang, durch den Chott El Djerid (Salzsee) nach Kebili. Endlich darf sich das Auge an einigen Gebirgszügen festhalten, nach all der grenzenlosen Weite. Auf dem Mond kann es nicht viel anders aussehen.
Die Rallye geht hier zu Ende und auch wir landen bald danach in Nefta. Ursprünglich wollten wir wie im Vorjahr am „Krieg der Sterne“-Drehort landen, doch der liegt 20 Kilometer außerhalb. Wir sehen die Teilnehmer, wie sie sich am Dorfrand zum anschließenden Zieleinlauf sammeln. Nach einem Überflug sieht die nahe gelegene Straße zum Landen geeignet aus. Wir bitten den Rettungswagen „Rettung 1“ (ein spezieller ausgebauter Geländewagen) uns ein wenig Hilfeleistung zu geben, da der Magirus noch nicht in Reichweite ist. Zwei Mopeds sperren die Strasse im Osten und der Rettungswagen mit Blaulicht im Westen. Drei weitere tiefe Überflüge und wir werden auf die vielen Stromleitungen aufmerksam. Doch alles wird ganz einfach, der Wind steht auf der Bahn, die Verkehrsschilder sind weit genug weg und noch keine Kinder in Sicht. Ich rolle bis eine Seitenstrasse einbiegt und stelle dort ab. Die 44. Flugstunde ist vollendet, 81 Landungen. Bei einem kräftigen Schluck fallen wir uns in die Arme und feiern den gelungenen Einsatz.
Da bin ich ja mal gespannt, welche Ideen uns die nächste Rallye bringen wird.
Tom, Oktober 2004
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